Impressionen vom Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit 2014 25.06.2014 – 27.06.2014 im CityCube Berlin

Der Hauptstadtkongress soll ein etablierter Wegbereiter für Veränderungsprozesse sein, die eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung für alle Menschen in Deutschland anstreben. Demnach bietet die Zusammenkunft in Berlin den Akteuren in Gesundheitswesen und -politik den nötigen Raum dazu kontroverse Sichtweisen von Antagonisten zusammenzuführen und aus der Reibung der Konfrontation Energie für zukünftige Symbiosen zu generieren.

In diesem Jahr wurden die prophylaktisch ausgerichtete Medizin und die Maßnahmen, die zur Anwendung kommen um Gesundheitsressourcen zu stärken, substanzielle Themenfelder in der Bundeshauptstadt. Ein potenzieller Grund dafür ist die Konkurrenz der Anbieter auf diesem Markt. Stets die Vorteile einer Lobby im Blick, die aus der Erstbesetzung durch die Betätigung auf diesem Gebiet erwachsen kann, findet ein Wettrüsten mit Leistungsangeboten statt. Die Anbieter wollen sich als Erbringer für Leistungen der Prävention und Gesundheitsförderung etablieren, um eine Anerkennung zur Abrechnung bei den Kostenträgern zu erlangen. Die mitunter am meisten diskutierten Streitfragen in dieser Angelegenheit sind, welche Qualifikationen im Einzelnen dazu befähigen, seinen Opus in dem Handlungsfeld anzubieten, und welche Vorrausetzungen letztendlich für die Anerkennung vorliegen müssen.

Die Vertreter des organisierten Sport- und die der Fitnesseinrichtungen sind in diesem Sektor besonders ambivalent über die Abgrenzung ihrer Kompetenzen voneinander. Aber auch Repräsentanten aus der Sportwissenschaft und Heilkunde engagieren sich in dem Bereich und bezogen ihre Stellung dazu. Aus den Debatten erging ein von allen involvierten Gesprächsteilnehmern gestützter Leitgedanke. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit auf diesem Gebiet muss weiter ausgebaut werden. Die Einigkeit zwischen den Mitstreitern zum Leitgedanken lässt darauf schließen, dass sich alle einen Mehrwert durch eine Zusammenarbeit erhoffen. Diese primäre positive Wendung entstand trotz der wiederkehrenden Präsenz der Polemik in den Podiumsdiskussionen zu diesem Interessengebiet. Der gemeinsame Konsens zum Grundsatz führte zum Einklang zur zukünftigen Strategie bei der Entwicklung zukünftiger Präventionsmaßnahmen. Die Ergänzung der Fachwissenschaften untereinander sollen dabei in den Vordergrund rücken und die Kontroversen in den Schatten stellen. In Gesprächen, die über den planmäßigen zeitlichen Rahmen hinaus geführt wurden, ging es auch um Bewegungsprogramme. Vor allem die Bewegungsangebote, die auf den gleichen Bezugswissenschaften basieren, bieten eine gute Basis für die interdisziplinäre Kooperation. Die Sportwissenschaft, Biomechanik, Trainingslehre und Physiologie ist essentiell für alle Akteure die Bewegungsförderung propagieren. Die Grundlage, auf der ein Austausch stattfinden kann, ist somit gegeben. Ein Wissenstransfer in diesem Sujet hat das Potential Synergieeffekte zu erzeugen. Der Stand der interagierenden Berufsgruppen kann so den eigenständigen und sich separierenden Berufsständen gegenüber entscheidend ausgebaut werden.

Unklar ist bei der Konzeption der zukünftigen Projekte zur Bewegungsförderung die Stellung der Physiotherapie. Mit dem in der Branche einzigartigen Know How zum menschlichen Bewegungsapparat den -abläufen und -funktionen präsentierten sich die Berufsangehörigen als kompetenter Ansprechpartner. Die Einflüsse der Therapeuten, die ab der Erstversorgung bis zur Wiederaufnahme von sportlicher sowie alltäglicher Aktivität kontinuierlich mit dem Patienten arbeiten, können die Programme entscheidend prägen. Die Therapeuten agieren sowohl im Sport-, Fitness-, als auch Medizinsektor. Die Qualifikation, das Wirkungsfeld und die Rolle als Wegbegleiter des Patienten prädestiniert Physiotherapeuten an Schnittstellen zwischen den Disziplinen eine Verknüpfung herzustellen und zu vermitteln. Die Fähigkeiten dieses Berufes gilt es in der Nachsorge, der vorbeugenden Versorgung als auch in den Gesundheitsangeboten zu nutzen. Der Therapeut sollte künftig nicht nur die Patienten beraten, sondern auch als Partner und Konsultor für die anderen Akteure und die Kostenträger agieren. Die Delegierten der Verbände der Physiotherapie machten dazu Handreichungen und erklärten sich für branchenübergreifende Modellvorhaben bereit.

Unbestimmt ist auch die Position der Ärzte in diesem Bereich. Es ist jedoch zu erwarten, dass die Bedeutsamkeit der Ärzte in diesem Sektor weiter wächst und seitens der Politik vermehrt Rückhalt gewinnt. Denn zunehmend wird auch vom Arzt seitens des Patienten eine beratende und aufklärende Funktion zu den gesundheitsspezifischen und präventiven Angeboten gewünscht. Der Arzt wird zum Ratgeber, nicht nur wenn es um die Behandlung von Pathologien geht, sondern auch in der Vorsorge. Diese Funktion ist besonders wichtig in Zeiten der frei zugänglichen Masseninformationstechnologie, birgt jedoch auch Gefahren. Bereits heute sind Ärzte gesondert im Bereich des 2. Gesundheitsmarktes mit Angeboten, wie zum Beispiel Schulranzenberatung oder Lauf- und Gangschule vertreten. Jedoch fehlt den Ärzten in der Regel die nötige Qualifikation, um diese Beratung unter Beachtung aller relevanten Influenzen zu offerieren. Die dafür geeigneten Berufsgruppen müssen den Ärzten jedoch auch ihre Existenz deutlich machen und davon überzeugen können, dass sie in der Lage sind solche Aufgaben zu übernehmen. Von den Ärzten zu erwarten, dass sie alle Kompetenzen und vor allem neu aufkommenden Handlungsfelder aller auf dem Markt angesiedelten Heil- und Heilhilfsberufe partout kennen, ist zweifellos illusorisch. Avancieren Berufsgruppen ihrerseits zu kompetenten Ansprechpartnern, können die Ärzte ihre an dieser Stelle unnötig gebundenen Kompetenzen, die an anderer Stelle in der Patientenversorgung zunehmend fehlen, gezielter einsetzen. Die Konzentration und die Zeit kann vom Arzt wiederum für Vorsorgeleistungen, die nicht an andere Berufsgruppen delegiert werden können, eingesetzt werden. So können unter Beachtung der speziellen Kompetenzen von Ärzten und anderen Berufsgruppen fokussiert effizientere Lösungen entwickelt werden, die sowohl Kosteneinsparungen als auch einen Mehrwert für den Patienten erzeugen.

Zusätzlich angetrieben wird die Prominenz der salutogenetisch ausgerichteten Medizin während der Veranstaltung in Berlin durch das geplante Präventionsgesetz. Der amtierende Gesundheitsminister Hermann Gröhe bekundete dem Ärzteblatt gegenüber, dass die Arbeiten an einem Präventionsgesetz mit der Partizipation des Bundesressorts, der Länder, der Sozialversicherungsträger und der einzelnen Interessenverbände im Gange sind. Eine erste Stellungnahme zu den Inhalten seinerseits ist dem gleichen Interview nach noch in diesem Jahr zu erwarten. Die auf dem Terrain aktiven Berufsbilder versprechen sich durch das Gesetz mehr Klarheit über die Aufgabenbereiche und einen Rahmen für die einzelnen Akteure, in dem diese tätig werden dürfen. In diesem Themengebiet war es nicht nur die Frage der Zuständigkeiten, sowie der Befähigung zur Durchführung von Maßnahmen zur Prävention und Gesundheitsförderung, die die Kongressteilnehmer beschäftigte. Debattiert wurde auch über das Phänomen, das als Präventionsdilemma bezeichnet wird. Die Tatsache, dass spezifische Angebote gesondert von den Menschen, die von den Angeboten am meisten profitieren können am seltensten in Anspruch genommen werden, ist allgegenwärtig. Hinterfragt wurde in diesem Zusammenhang der flächendeckend praktizierte Ansatz der individuellen Prävention. Die Kostenträger investieren hohe Summen und die Anbieter viel Zeit in die Aufklärung der einzelnen Person. Bei einer Reflexion können jedoch nur die wenigsten einen Kasus anführen, bei dem sie selbst aufgrund einer Informationsbroschüre ihr eigenes Gesundheitsverhalten verändert haben. Anbieter erstellen nach ihren Vorstellungen und basierend auf ihrem Fachwissen Programme und Informationen für das Gesundheitspotential des Patienten. Der intrinsische Antrieb derer, um die es letztendlich bei dem Angebot geht, wird selten beachtet. Das Empowerment des Betroffenen bleibt so unberührt und die ersehnte Verhaltensänderung zur gesunden Lebensweise bleibt aus. Die Form der personalisierten Präventionsmaßnahmen hat allem Anschein nach einen Ursprung in der Struktur der Gesundheitsversorgung. Die Entwicklung der individuellen Prävention, die die Nachfrage seitens der Bevölkerung vernachlässigt, kann eine Folge der angebotsinduzierten Nachfrage in der kurativen Versorgung der Patienten in Deutschland sein. Die Anbieter sind geschult darauf für den Abnehmer zu denken. Diese Eigenschaft wird unter dem Vorbehalt den größtmöglichen Nutzen für die Patientengesundheit in der Prävention und Gesundheitsförderung weitergeführt. Die Anbieter denken zu häufig für den Patienten, ohne jedoch beitragende Faktoren hinreichend zu beachten. Hinweise hin zur Gesundheitsförderung, die die gewohnte Lebensweise des Informierten in Frage stellen, bringen diesen zwangsläufig dazu die Gesundheitsförderung und Prävention in Frage zu stellen und eher als Belastung als positiven Lebenszugewinn anzusehen. Gedanken von Gesundheitsexperten, die vom Begünstigten nicht nachvollzogen werden können, bleiben unverstanden und können nicht verinnerlicht werden. Beim Abnehmer kommt ein Gefühl der Bevormundung auf und er verweigert seine Compliance. Qualitativ hochwertige und evidenzbasierte Ansätze scheitern auf diese Weise an dieser Gedankenbarriere und verfehlen ihre angestrebte Wirkung. Letztendlich entsteht ein Markt in dem ein Produkt veräußert wird, das nur dem Verkäufer gefällt und beim Käufer keinerlei Bedarf und somit keine Nachfrage erzeugt.

Der Bedarf an Strategien und Konzepten, die die Gesundheitsressourcen in den Vordergrund stellen, wird zunehmen. Diese Prophezeiung führen viele Redner bei dem Kongress auf die aktuellen Trends der inländischen Gesellschaftsentwicklung zurück. Die Gesamtpopulation in Deutschland sinkt, wobei die Anzahl älterer Menschen gleichzeitig zunimmt. Zusätzlich erfordern steigende Fallzahlen, bei denen junge Menschen bereits früh kurativ behandelt werden müssen, die Aufmerksamkeit der Gesundheitsexperten. Das veränderte Ernährungs- und Bewegungsprofil der zeitgenössischen Lebenskultur birgt ebenso neue Gefahren für die Gesundheit der Population. Die Prävention und die Gesundheitsförderung können jedoch dazu beitragen, dass die alten Menschen länger physisch jung bleiben und die jungen Menschen langsamer alt werden. Beides sind also essentielle Bestandteile im Kampf gegen eine multimorbide Gesellschaft. Mit der Veränderung der Gesellschaft müssen sich auch die Gesundheitsangebote wandeln und anpassen. Die Gesundheitsressourcen sind dabei von zentraler Bedeutung, unabhängig davon welche Berufsgruppe zukünftig den Zuständigkeitsbereich dazu von der Politik zugesprochen bekommt. Alle an der nationalen Gesundheitsversorgung beteiligten müssen Missstände, die den Erfolg der Angebote gefährden, erkennen und sich gegenseitig bei der Beseitigung dieser unterstützen. Die Kostenträger müssen erkennen, dass viele Investitionen nebeneinander nicht zwangsläufig mit einem höheren Zuwachs für die Gesundheit insgesamt verbunden sind. Anreize durch die Kostenträger zur Entwicklung von besser koordinierten und sektorübergreifenden Handhabungen in der Patientenversorgung sind gefragt. Die Einsicht, dass einzelne kurzfristige Interventionen durch die Förderung von Lebenskompetenzen abgelöst werden müssen, kann so bei den Leistungserbringern voran getrieben werden. Dabei dürfen die Interventionen nicht nur auf ein Setting limitiert bleiben. Gesundheit, die nur im Betrieb propagiert wird, hört dann vor den Toren des Unternehmens auf. Mehr Projekte, die aufeinander aufbauen oder sich ergänzen, sind gefragt, um Maßnahmen die ihre Einzelwirksamkeit gegenüber anderen propagieren abzulösen. Fortlaufende, bereits in den Bildungseinrichtungen integrierte Handlungskonzepte müssen die Überflutung mit und durch Informationsmedien ersetzen. Der Umgang mit der Informationsflut muss demnach ein Bestandteil der kompetenzorientierten Maßnahmen sein. Um direkt in den unterschiedlichen Kontext-Welten von Patienten intervenieren zu können, müssen die Akteure aus den unterschiedlichen Kontextwelten miteinander ins Gespräch kommen. Dabei müssen die Grenzen der eigenen Berufsgruppenkompetenz transparent werden und der Beginn von den der Mitstreiter erkennbar. Schnittstellen müssen herausgestellt und mit Hilfe von Informationsfluss zu relevanten Ergebnissen und Entwicklungen des Patienten beseitigt werden. So entsteht aus einer Kluft ein ineinandergreifendes System, das sich zu Gunsten eines übergeordneten Zieles ergänzt. Maßnahmen werden so nicht mehrfach oder in einer ungeeigneten Reihenfolge appliziert. Das übergeordnete Ziel der Patientengesundheit allein ist nicht ausreichend, um adäquate Maßnahmen zu erzeugen. Die Bedürfnisse des Patienten müssen ins Zentrum rücken. Falls das Oxymoron der Gesundheitsschädigung mit den Bedürfnissen des Patienten einhergeht, gilt es nicht die beitragenden Faktoren zu eliminieren, sondern vielmehr darum neue Bedürfnisse bei Patienten zu wecken.

Herr Altgeld hat in einem Podiumsbeitrag den Appell geäußert, dass Gesundheitsförderung nicht als eine Aneinanderreihung von Tipps zur gesunden Lebensweise enden darf. Die Herausforderung für künftige Angebote ist attraktiver zu werden durch einen höheren Nutzen beim Patienten. Die Entscheidung zu Gunsten der Gesundheit muss im direkten Vergleich der Optionen die einfachere Wahl sein.

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