Gesundheit als Verkaufsprodukt

Im Grunde genommen ist Gesundheit kein materielles Gut, das regulär über die Ladentheke hinweg konsumiert werden kann, dennoch hat sie sich in unserer Gesellschaft als Verkaufsprodukt etabliert. Den genauen Wert von Gesundheit zu bestimmen, scheint ebenso schwierig zu sein, wie den Geldkurs zu determinieren. Jeder Einzelne erhofft ein Maximum an Gesundheit für die eigene Person. Ebenso großzügig sind die Menschen anderen Mitmenschen gegenüber, wenn sie ihnen Gesundheit wünschen. Quantifiziert werden die wohlwollenden Worte mit unpräzisen Mengenangaben, die in Richtung Unendlich tendieren. Fraglich ist ob dieser Edelmut gegenüber Dritten stets persistiert, auch wenn die Gesundheitsressourcen wie gewöhnliche Rohstoffe limitiert wären.

Redewendungen zufolge ist der einzelne nicht in der Lage Gesundheit zu erwerben, gleichwohl hat sie ihren Preis und ist damit im trivialen Sinne ein Wirtschaftsgut. Das Prinzip von Angebot und Nachfrage kann jedoch nur bedingt auf den Gesundheitsmarkt übertragen werden. Für die Quantität, den zeitlichen Umfang und die Form gibt es keine Konsumgrenzen oder Richtlinien. Die durch die gesetzliche Krankenversicherung abgedeckten Leistungen empfinden Menschen zunehmend als Mindestkonsumgrenze. In der Annahme, dass die Quantität des Konsums sich proportional auf die Quantität der Gesundheitsreserven auswirkt, sind Menschen volitiv – gnostisch bereit zusätzlich Geld aufzuwenden um Gesundheit zu erstehen. Auf dem deutschen Gesundheitsmarkt liegt jedoch eine angebotsinduzierte Nachfrage vor, die zum Teil der Einverständniserklärung eines Fachkundigen aus der Medizinbranche bedarf. Nicht immer macht der Wunsch nach mehr Konsum auch Sinn für die Prävention, Rehabilitation und Gesundheitsförderung. Verweigert der Leistungserbringer die angestrebte Verordnung, die Art der gewünschten Therapie oder die nachgefragte Menge fühlt sich der Konsument seines königlichen Rechts als Kunde hierzulande beraubt. Die Nachfrage seitens des Kunden ist weiterhin präsent. Die Informationsasymmetrie, die zwischen dem Anbieter und dem Konsumenten vorliegt, ist nahezu unüberwindbar. Um nicht der Willkür des Anbieters ausgeliefert zu sein, bedient sich der mündige Kunde der grenzenlosen Informationsflut im Web 2.0. Diese private Zahlungsbereitschaft bleibt auf Seiten der zunehmend marktwirtschaftlich ausgerichteten Anbieter nicht lange unentdeckt.

Der Markt der verordnungsfreien Ersatzgüter ist unerschöpflich und wächst rasant weiter. Der Kunde bekommt dank bestem Medizinmarketing mithilfe eines im Jahre 2013 gelockerten Heilmittelwerbegesetz einen breiten Markt mit Substituten suggeriert. Ein unabhängiger und seriöser Anbieter zum Schutz der Verbraucher hat sich noch nicht herauskristallisiert. Die fachkundigen Tester fehlen und so greifen die Konsumenten auf die in Bewertungsportalen publizierte Meinung von Laien zurück. Mit ruhigem Gewissen und bestärkt durch subjektive Rankings konsumieren die Verbraucher im Ausgleich für die vorenthaltene Leistung ein Surrogat oder Substitut, die hingegen Ihrer Namensgebung nicht individuell dosiert oder angepasst werden und so ohne Nutzen bleiben. Leistungsorientierte Vergütung, eine Garantie oder Kaufpreiserstattungen werden in der Regel von vornehinein ausgeschlossen. Der zweite Gesundheitsmarkt wird so zu einer lukrativen Einnahmequelle. Dieser Wettbewerb führt zu normalem wirtschaftlichen Verhaltensmustern und zum Preiskampf. Schnäppchenjäger schrecken dabei vor nichts zurück. Reisen in Länder ohne Sprachkenntnisse und die Missachtung jegliches Risikobewusstsein sowie Abklärung der Langzeitfolgen werden populär. Das Preis – Leistungsverhältnis gewinnt an Relevanz. Das kann dazu führen, dass die Wirkung in den Hintergrund rückt und Annehmlichkeiten an Bedeutung gewinnen. Verbraucher ziehen dann Anbieter mit Parkflächen, modernen Räumlichkeiten und Equipment einer höhere Produktgüte und der Erfolgsgarantie vor. Damit entwickelt sich das Gesundheitssystem zu einer Gesundheitsökonomie. Auf diese Weise erhalten klassische marktwirtschaftliche Vorgehensweisen Einzug in das gesamte Gesundheitswesen. Ein florierender Markt zieht immer neue potentielle Anbieter an. Jede wachsende Branche wird auch zunehmend attraktiv für Arbeitnehmer, die zukunftssicher ausgerichtet sind. Daraus ergibt sich in der Gesundheitsbrache eine Kalamität. Die Nachfrage ist gegeben, die Anbieter können diverse Stellen jedoch nicht besetzen.

Der Fachkräftemangel ergibt sich aus der Produkteigenschaft an sich. Das Produkt basiert auf einer Informationsasymmetrie, die erst erschaffen werden muss. Die Bildungseinrichtungen sind hierbei vordergründig gefragt. Gesondert auf der Managementebene ist ein direkter Übergang aus dem freien wirtschaftlichen Gefüge in die Gesundheitsökonomie schwierig. Ein gewisses Grundverständnis für das Produkt ist unumgänglich. Nicht minder kompliziert ist der Transfer für medizinische Fachkräfte in die Leitungsebene. Die bedarfsgerechte Versorgung zu definieren, ist schon eine große Herausforderung, sie durch die Verteilung der materiellen und personellen Ressourcen in der Praxis zu gewährleisten, ist nicht möglich. Entscheidungen sind nolens volens Kompromisse zwischen Wirtschaftlichkeit und Wirkung.

Entscheidungen, die die Gesundheit betreffen haben einen hohen emotionalen Gehalt. Das Missverständnis für Rationalität ist somit obligatorisch. Auch objektive Entscheidungsfindung kann nur bedingt etwas an der Einstellung zur Gesundheitsversorgung beim Endverbraucher ändern. Publik ist der Gedanke, dass jedem Individuum alles zusteht, unabhängig von Faktoren, die der Einzelne begünstigen kann. Wenn jemand mehrfach von seiner KFZ Vollkaskoversicherung Gebrauch macht, wächst der Beitrag. Die Person ist entweder gezwungen die Risiken zu minimieren oder wird wiederholt indirekt monetär dafür belangt. Ein Raucher oder Menschen mit einer Beeinträchtigung des Stoffwechsels durch schadhafte Ernährung kann sein Fehlverhalten grenzenlos weiterführen ohne Konsequenzen für seinen Konsum im Gesundheitswesen. Tendenziell bekommt der Kunde mit zunehmendem Fehlverhalten mehr Leistung. Die Wahrnehmung für das Produkt an sich, als auch die Attitüde zum Konsum ist im Wandel. Die Akzeptanz für eine höhere Qualität mehr zu bezahlen oder die Haftung bei Eigenverschulden mit zu tragen, bleibt dennoch polemisch. Die Gesundheitsversorgung wird dann ungeachtet des eigenen Lapsus als injuriös und simultan diskriminierend deklariert. Das widerspricht wiederum unserem Sozialstaatspostulat. Das Gegenteil davon ist die Belohnung von gesundheitsbewusstem Lebensstill. Solche Förderprogramme für die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen bleiben vor allem bei der Zielgruppe, die es notwendig haben Güter des fremdinitiierten Kaufs mit geringer Nachfrage.

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